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Beitrag / Datum

10.03.2016

Autoren

Nathalie-Josephine von Möllendorff
Regina Wittmann

Stichworte

Vortrag/Tagungbeiträge, Schweiz, Deutschland, 20. Jh., 21. Jh., Archiv/Dokumentation, Sammlungswesen, Ausbildung, Vermittlung, Projekt

Planvoll – Perspektiven objektbasierter Lehre in einer Architektursammlung

Nathalie-Josephine von Möllendorff

Regina Wittmann

Akten der Jahrestagung Kunstgeschichte und Denkmalpflege. Ausbildungsperspektiven – Praxisfelder der Vereinigung der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in der Schweiz (VKKS), 14.–15. November 2014, Universität Bern, in Zusammenarbeit mit der Abteilung Architekturgeschichte und Denkmalpflege, Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern, und dem Arbeitskreis Denkmalpflege (AKD)


Mit dem Lehrprojekt „Planvoll“ wird an der Technischen Universität Dortmund das Ziel verfolgt, innovative Formate der sammlungs- und objektbasierten Lehre zu entwickeln und nachhaltig in die universitäre Ausbildung zu integrieren. Das Projekt wird in den akademischen Jahren von 2013 bis 2015 für die Dauer von vier Semestern am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft unter der Leitung von Prof. Dr. Barbara Welzel und am Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Sonne durchgeführt. Für die unterschiedlichen Formate der universitären Lehre und weiterer, assoziierter Veranstaltungen wird dabei auf die Bestände des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) zurückgegriffen, mit dem die TU Dortmund in der Hochschullandschaft Nordrhein-Westfalens ein Alleinstellungsmerkmal besitzt.

„Planvoll“ ist als kunst- und architekturhistorisches Projekt Teil der Initiative „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“ der Stiftung Mercator, die deutschlandweit insgesamt neun universitäre Projekte in unterschiedlichen Fachrichtungen fördert. Die Projektidee der Stiftung Mercator beruht auf der Beobachtung, dass universitäre Sammlungen in der Lehre kaum mehr genutzt werden beziehungsweise dafür bisher nicht in Betracht gezogen wurden. Für die Kunst- und Baugeschichte bedeutet dies, dass eine grundsätzliche Distanz zu den jeweiligen Forschungsobjekten besteht. Wesentliche Erfahrungsspielräume, die sich aus dem Umgang mit Originalen, aber auch mit den zugehörigen Institutionen innerhalb des Studiums ergeben könnten, sind daher nicht mehr oder nur stark eingeschränkt gegeben.1

Das Projekt „Planvoll“ ist nicht nur Teil der Initiative „SammLehr“, sondern auch in die universitätsweiten „Diversitätsdialoge in Studium und Lehre“ eingebunden, die das Ziel verfolgen unterschiedliche Professionen miteinander ins Gespräch zu bringen. So kann interdisziplinäre Sprech- und Diskussionsfähigkeit eingeübt und ein grundlegendes Verständnis für die jeweils andere Disziplin entwickelt werden.2

Der Dialog erstreckt sich auch auf unterschiedliche Institutionen der Denkmalpflege, auf Stadt- und Kirchenarchive, die Dortmunder Stadtkirche St. Reinoldi und andere öffentliche Kultureinrichtungen in der Region. Somit ist es auch möglich, Ergebnisse des Projekts an die Institutionen zurückzuspiegeln und der Dortmunder Öffentlichkeit regelmässig zu präsentieren.

Ausgehend von den Beständen des A:AI an der TU Dortmund richtet sich „Planvoll“ in mehreren gleichwertigen Modulen an Studierende im Masterstudiengang Architektur und Städtebau an der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen und am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft an Lehramtsstudierende des Faches Kunst in den Teilstudienbereichen Kunstgeschichte und Kunstdidaktik sowie an Studierende des Masterstudiengangs Kulturanalyse und Kulturvermittlung. Um eine Nachhaltigkeit der Projektergebnisse in der Lehre gewährleisten zu können, sind die verschiedenen Seminare von Anfang an in den Curricula der jeweiligen Studienordnungen verankert. Sie werden damit bereits im universitären Regelbetrieb getestet und können über die Projektförderung hinaus angeboten werden.

Abb. 1: Organigramm des Projekts „Planvoll“ an der TU Dortmund

In jedem der vier Projektsemester bieten die Autorinnen Joint-Venture-Seminare der beiden beteiligten Fakultäten in den Fächern Geschichte und Theorie der Architektur sowie Kunstgeschichte an.

In einem mehrteiligen kunstdidaktischen Seminar von Prof. Dr. Klaus-Peter Busse werden „Karten, Pläne und Sammlungen“ unter Vermittlungsaspekten in Schulen und anderen Vermittlungssituationen untersucht und die Archivbestände am Script des Mapping in die Kontexte von thematischen, medialen und methodischen Scripten eingebettet.

Studierende des Masterstudiengangs Kulturanalyse und Kulturvermittlung haben unter der Leitung von PD Dr. Esther Meier (Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft) ein Ausstellungsprojekt realisiert, das mit den Archivbeständen den Wiederaufbau der Stadtkirche St. Reinoldi thematisierte.

Neben den Universitätsseminaren werden zudem weitere Veranstaltungen mit Öffentlichkeitsbezug durchgeführt. An der Veranstaltungsreihe „KinderUni“ der TU Dortmund beteiligte sich „Planvoll“ anlässlich des Weltkulturtages der UNESCO 2014 mit einer Veranstaltung in der Reinoldikirche. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Bild und Klang“ sowie des Weltkulturtages der UNESCO und der DEW21-Museumsnacht konnten bei Vortragsabenden Ergebnisse des Projektes der Öffentlichkeit präsentiert werden. In Projektkooperationen mit Dortmunder Schulen, wie dem Heinrich-Heine-Gymnasium und dem Konrad-Klepping-Berufskolleg werden auch Schulklassen in „Planvoll“ und die Arbeit mit Archivobjekten einbezogen.

Das Architekturarchiv als Lehrsammlung

Ausgangspunkt für die im Rahmen von „Planvoll“ entwickelten Lehrformate sind die Sammlungsbestände des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) an der TU Dortmund. Als Spartenarchiv, das dem Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur angegliedert ist, werden hier Vor- und Nachlässe bedeutender Planerinnen und Planer aus den Bereichen Architektur, Städtebau, Innen- und Landschaftsarchitektur, Ingenieurbau sowie von Baufirmen und der Bauindustrie gesammelt, die einen Bezug zum Grossraum Nordrhein-Westfalen aufweisen. Seit Gründung des Archivs im Jahre 1995 wurden knapp sechzig Bestände sowie dreizehn Bibliotheken übernommen.3

Abb. 2: „Planvoll“-Studierende beim Rundgang durch das A:AI (Foto: „Planvoll“, TU Dortmund).

Dieses Archivgut bildet einen wichtigen Bestandteil der regionalen baukulturellen Überlieferung jenseits der realen Bauten. Diese droht ohne entsprechende Sammlungstätigkeit jedoch verloren zu gehen. Der Gründungsimpuls des A:AI lag daher primär darin, ausgewählte Bestände langfristig zu erhalten und diese der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Von Beginn an wurde das Archiv auch in die Lehre eingebunden. Hier ist jedoch nicht mehr die klassische Vorbildsammlung gefragt, die im ausgehenden 19. Jahrhundert fester Bestandteil der Architektenausbildung an den polytechnischen Hochschulen war und die Grundlage vieler universitärer Architektursammlungen bildet,4 sondern unmittelbar bei den Archivbeständen angesetzt, die, wie frühere Lehrprojekte bereits zeigen, in ihrer ganzen Vielfalt als Lehrsammlung genutzt werden.5 Im Rahmen des „Planvoll“-Projekts werden Lehrkonzepte, Infrastrukturen und Öffentlichkeitswirksamkeit nun ausgebaut und weiterentwickelt, so dass dieser Ansatz verstetigt wird und nachhaltig wirkt. Gleichzeitig wird mit „Planvoll“ die wissenschaftsgeschichtliche Stellung von Architektursammlungen aufgegriffen sowie neu interpretiert und positioniert.

Das Archiv wird damit zum lebendigen Ort an der Universität, der Quellen für eine Vielzahl von Fragestellungen vorhält:

„Wer hat es gebaut?“ Die in der Regel personenbezogenen Bestände ermöglichen einen Zugang zu Akteuren und Akteursnetzwerken, die das Bauschaffen in der Region massgeblich geprägt haben, teils jedoch noch weitgehend unbekannt sind. So sind mit Eckhard Schulze-Fielitz, Josef Paul-Kleihues, Stefan Polónyi und Harald Deilmann Persönlichkeiten vertreten, die weit über die Region hinaus wirkten. Herwarth Schulte, Toni Hermanns, Wilhelm Seidensticker, Bruno Lambart und Walter Köngeter stehen für Planer von regionaler Bedeutung. Die Nachlässe der Architektinnen Mechthild Gastreich-Moritz, Sabine Hallmann-Retzki und Bertrud Lieberwirth sowie der Innenarchitektin Ellen Birkelbach zeugen von der Tätigkeit von Frauen in planenden Berufen.

„Wie ist die Materiallage?“ Die im Archiv überlieferten Bestände umfassen kleine, teils bereits vorab reduzierte Konvolute bis hin zu umfangreichen Werkarchiven. Die Bestände reichen bis in das späte 19. Jahrhundert zurück, doch liegt der Überlieferungsschwerpunkt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In ihrer Gesamtheit lassen sie Rückschlüsse auf zahlreiche Aspekte des Bauwesens zu, im Idealfall ergänzen sich Bestände von Architekten, Ingenieuren und Baufirmen.

„Wie wird Architektur dargestellt?“ Die Bestände decken mit Planzeichnungen, Modellen, Akten, Foto und Film, statischen Berechnungen, Büchern und Zeitschriften bis hin zu einzelnen Bauelementen das ganze im Architekturbetrieb gängige Medienspektrum ab.

„Welche Recherchemöglichkeiten gibt es?“ Knapp 30‘000 Objekte, darunter vorwiegend Planzeichnungen, wurden bisher in einer Datenbank erfasst und ermöglichen gezielte Recherchen. Damit ist der Zugang zu bislang unverzeichnetem Material jedoch nicht ausgeschlossen. In der Lehre werden Verzeichnungsübungen durchgeführt und wird Grundlagenwissen zur architekturbezogenen Überlieferung in Archiven vermittelt. Dies ist Ausgangspunkt für die Entwicklung eines strukturierten Lehrangebots, um angehende Architektinnen und Architekten gezielt auf Praxisanforderungen vorzubereiten, die sich aus der zunehmenden Bedeutung des Bauens im Bestand ergeben.

„Wie entsteht Stadt?“ Das Archivgut ermöglicht Einblicke in Arbeitsweisen und Fertigungstechniken, deckt konstruktionsgeschichtliche Themen und Theoriedebatten ab sowie belegt ein ausgeprägtes Wettbewerbswesen. Die Sammlungsgegenstände bilden neben der Bauforschung mit Befunden am Bauwerk eine bedeutende Grundlage, um Erkenntnisse über Absichten, Entscheidungen, Zwischenstände und Varianten zu gewinnen und damit ein Verständnis von Planen und Bauen als Prozess sowie den Alltag des mühevollen Ringens um angemessene Lösungen zu vermitteln.

„Was bleibt, wenn sich Bauten ändern beziehungsweise verschwinden?“ Die Bestände belegen Entstehungsbedingungen von Einzelbauten sowie städtebaulichen Zusammenhängen, die für Erhaltung und Umbau unabdingbar sind. Originale aus dem Archiv – in der Regel einzigartige Unikate – bieten wichtige Argumentations- und Entscheidungshilfen, wenn sich die Auseinandersetzung um Wert und Deutung von Bauten nach Veränderung oder Verlust fortsetzt.

Die Bereitstellung ausgewählter Archivalien für die Lehre

Mit seinem Sammlungsansatz verfolgt das A:AI das Ziel, wesentliche Aspekte des baukulturellen Schaffens mit Bezug zu Nordrhein-Westfalen zu dokumentieren. Damit trägt das Archiv unmittelbar zur regionalen Identitätsbildung bei, auch im Lebensumfeld der Studierenden der TU Dortmund im Bereich des Ruhrgebiets und seinem Umland, denn die Bestände umfassen vielfach Bauten, die Studierende aus ihrem Alltag kennen, in der Regel jedoch nicht unter dem Aspekt baukulturelle Bedeutung wahrnehmen. Das Projekt „Planvoll“ fokussiert daher im Besonderen Bauten, die aufgrund ihrer Überlieferung im Archiv in spezieller Weise als Anschauungsmaterial zum Verständnis von architektonischer und städtebaulicher Qualität sowie ihrer Entstehungsbedingungen dienen und damit wichtiges Material zur Wertediskussion beitragen. Anhand des im Archiv überlieferten Spektrums an Bauaufgaben lässt sich zum Beispiel der Wiederaufbau der Städte im Ruhrgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg als ein bewusster Gestaltungsprozess ablesen.6

Im „Planvoll“-Projekt kam dabei dem Kirchenbau ein besonderes Augenmerk zu. Der methodische Zugang zur Überlieferung im Archiv im Rahmen des „Planvoll“-Projekts soll hier am Beispiel des Projekts „Wiederaufbau der Stadtkirche St. Reinoldi“ des Architekten Herwarth Schulte beschrieben werden, dem ein besonderes Gewicht zukam. Zum einen ist die Kirche nach wie vor von grosser Bedeutung für die Stadt, zum anderen konnte auf langjährigen Kooperationen der Projektpartner mit der Stadtkirche aufgebaut und dem Projekt damit eine grosse Öffentlichkeitswirksamkeit zuteilwerden.7

Die seit dem 8. Jahrhundert nachgewiesene Kirche gehört seit dem 13. Jahrhundert zu den stadtbildprägenden Bauten und markiert nach wie vor die Mitte des Dortmunder Stadtzentrums. Nach starker Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg wurde der Dortmunder Architekt Herwarth Schulte (1902–1996) ab 1947 mit dem Wiederaufbau betraut, der 1956 weitgehend abgeschlossen und mit Einbau der Orgel (1958) sowie der farbigen Verglasung (1967–1968 durch Hans Gottfried von Stockhausen) abgerundet wurde.

Im A:AI ordnet sich das Projekt in einen Bestand ein, der nahezu das gesamte Schaffen eines Architekten belegt. Sein Wirkungsschwerpunkt war der Kirchenbau der Nachkriegszeit vor allem im Raum Dortmund, und St. Reinoldi sein Hauptwerk. Mit einem einzelblattverzeichneten Plan- und Fotobestand, der knapp 4‘800 Einträge umfasst, liegt ein in Teilen sehr gut erschlossener Nachlass vor, der, ergänzt durch weitere Medien ein breites Spektrum der im Architekturbetrieb gängigen Medien umfasst. Das Projekt St. Reinoldi umfasst unter anderem 184 Planzeichnungen sowie Bild- beziehungsweise Fototafeln, Dias sowie Akten.

In diesem Zusammenhang stellen sich grundlegende Fragen nach dem Stand der Forschung zu Bauten von regionaler Bedeutung, die in der Sekundärliteratur selten bereits erforscht sind wie Reinoldi, sowie nach aussagekräftigen Zeichnungen und Abbildungen. Damit wird die Relevanz der Archivbestände als Primärquelle für die Forschung zur Bau- und Stadtgeschichte umso deutlicher, zieht daraus jedoch die Notwendigkeit einer adäquaten Anleitung für ihre Nutzung im Rahmen der Lehre nach sich.8

Abb. 3: „Planvoll“-Studierende bei der Archivierungsarbeit im A:AI (Foto: „Planvoll“, TU Dortmund).

Dieses umfangreiche Material im Bestand Herwarth Schulte ermöglicht einzigartige Einblicke in den schrittweisen Wiederaufbau der Stadtkirche und erschliesst im Vergleich mit anderen Bauten Herwarth Schultes sowie weiterer Architekten das gesamte Spektrum der Bauaufgabe Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Sanierung und Umbau bis hin zu Wiederaufbau und Neubau. Um die Originale zu schonen und dennoch eine möglichst umfassende Nutzung dieses Materials im Rahmen des Seminars zu ermöglichen, wurden der komplette Planbestand abfotografiert, die Akten kopiert und die Dias digitalisiert. Diese Reproduktionen wurden den Studierenden zu Recherchezwecken in Verbindung mit einem Findbuch vorgelegt und nach Rücksprache für die Bearbeitung der Seminaraufgaben digital zur Verfügung gestellt.

Eine vollständige Bereitstellung und Sichtung der Originale hat sich als sehr aufwändig herausgestellt. Als praktikabler hat sich die Vorlage einer Objektauswahl erwiesen. In diesem Zusammenhang wurde das Thema der Reproduzierbarkeit von Originalen und ihrer Verfügbarkeit und Fragen der Qualität auch angesichts der jüngeren technischen Entwicklungen und gross angelegten Digitalisierungsprojekte insbesondere von Planbeständen kritisch diskutiert.9

Bei der Erarbeitung der Lehrkonzepte stellte sich aus Sicht des Archivs die Frage, wie sich Archivrecherchen als integraler Teil von Lehrveranstaltungen realisieren lassen, welche räumlichen Voraussetzungen für die Arbeit in Seminargrössen mit zirka zehn bis fünfzehn Studierenden erforderlich und welche personelle Unterstützung insbesondere für den sachgerechten Umgang mit grossformatigen Originalen erforderlich ist.

Lehren mit den Originalen des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI)

Das Lehrprojekt „Planvoll“ geht von der methodischen Annahme aus, dass die Bedeutung der Sammlungsobjekte nicht allein sprachlich zugeordnet werden kann, sondern im Wesentlichen aus den sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der Objekte entspringt. Daher erfolgt in den Lehrveranstaltungen jede Analyse und Diskussion möglichst anhand der Originale im gleichwertigen Hinblick auf deren sinnlichen, ästhetischen und dokumentarischen Charakter. Darüber hinaus bietet sich bei einem Baukunstarchiv mit regionalem Bezug die Möglichkeit, die Planzeichnungen auch in Abgleich mit den realen Bauten vor Ort zu setzen. Somit werden nicht nur Sammlungsbestände wieder stärker in die universitäre Lehre integriert, vielmehr kann durch den wechselseitigen Bezug von Plan und Bau eine erweiterte Erfahrbarkeit beider Komponenten generiert werden.10 Durch den Umgang mit den archiveigenen Materialbeständen werden die Wahrnehmung gegenüber der Funktion, Ästhetik und Kunstwertigkeit des Objektes geschärft und auch seine konservatorischen Ansprüche thematisiert. Neben der sinnlich-ästhetischen Erfahrbarkeit wird in den Seminaren auch der Umgang mit den unterschiedlichen Institutionen der Denkmalpflege, den Städtebaubehörden und den Archiven eingeübt, die als Kooperationspartner einen wichtigen Baustein im Projekt bilden. Durch den Fokus auf Bauten, die in erheblichem Masse zur Identitätsbildung in den Ruhrgebietsstädten beitragen, und das äusserst vielfältige Quellenmaterial im A:AI an der TU Dortmund, kann ein einzigartiger Zugang zur regionalen Baukultur geschaffen werden. Somit wird auch ein neues Verständnis von Stadt als gebaute Umwelt im Sinne der Welt- und Selbsterfahrung ermöglicht, an das sich innovative Potenziale in der Kultur- und Kunstvermittlung und auch in der Wertediskussion um die Bedeutung und die gesellschaftliche Verantwortung um kulturelles Erbe anschliessen lassen.11

Das Projekt „Planvoll“ ist, wie eingangs erwähnt, an der TU Dortmund an zwei Fakultäten verankert und zu gleichen Teilen am Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur sowie am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft angebunden. Die unterschiedlichen und eingangs aufgeführten Lehrveranstaltungen mit ihren spezifischen Ansätzen und Formaten haben auf die Originale des A:AI zurückgegriffen. Ein wichtiger Zugang zu den Originalen waren die Seminarbesuche im Archiv und den zugehörigen Depots. So konnten sich die Studierenden das Archiv als Ort der Erkenntnis und als Ort der Wissensbewahrung in seiner Medienvielfalt erschliessen, einen Überblick über die Unterschiedlichkeit der einzelnen Bestände gewinnen, aber auch einen Einblick in die Systematisierung und die Aufbewahrung dieser Objekte erhalten. Dem Schwerpunkt der jeweiligen Lehrveranstaltung folgend, wurden ausgewählte Bestände als Originale in den Seminarräumen vorgelegt, aufgearbeitet, analysiert und diskutiert. Lediglich bei Vor-Ort-Terminen wurde aus konservatorischen Gründen auf einen Rückgriff auf die Originale verzichtet und mit Reproduktionen gearbeitet.

Abb. 4: „Planvoll“-Studierende beim Diskutieren der Entwürfe zur Rekonstruktion der Turmhaube von St. Reinoldi; Planbestand Herwarth Schulte, A:AI (Foto: „Planvoll“, TU Dortmund).

Um die Arbeit mit den Originalen aus dem Archiv (A:AI) zu verdeutlichen, soll nachfolgend auf zwei Veranstaltungsformate im Speziellen eingegangen werden:

Die Joint-Venture-Seminare der beiden Autorinnen haben im Bereich Architektur und Kunstgeschichte Seminare mit unterschiedlichen methodischen und inhaltlichen Schwerpunkten angeboten. Jedes Seminar in den Projektsemestern wurde dabei gezielt in einem jeweils anderen Format und einer neuen Struktur konzipiert. Somit ist es möglich, ein Spektrum an Varianten und Möglichkeiten zu erproben, zu vergleichen und zu evaluieren, um nachhaltige Modelle der objektbasierten Lehre zu entwickeln.

Wie in den anderen Seminaren auch erfolgte die Materialanalyse der Archivbestände stets am Original. Die Studierenden haben dabei unter Anleitung die zu untersuchenden Bestände, beispielsweise die des Architekten Herwarth Schulte mit dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadtkirche St. Reinoldi in Dortmund, zunächst in ihrer Gesamtheit gesichtet. Schrittweise wurden verschiedene Aspekte im Planungsprozess herausgearbeitet. Nicht nur gestalterische, funktionale und konstruktionsgeschichtliche Vorgehensweisen wurden dabei thematisiert, sondern auch über sinnliche und haptische Qualitäten der Pläne, wie zeichnerische Mittel, Materialien, Alterungsprozesse des Papiers und Arbeitsspuren diskutiert. Die Qualität der Zeichnungen, die von repräsentativen Grossformaten bis hin zu schnellen Skizzen auf abgerissenen Zetteln und Kassenbons reichen, die nachträglich beschriftet wurden oder Kaffeeflecke aufweisen, bieten ein reichhaltiges Konglomerat an Diskussionsmöglichkeiten über deren rein informativen Wert der Darstellung hinaus.

Besonders der weitreichende Bestand Herwarth Schultes, der neben den Planzeichnungen auch umfangreiche Akten beinhaltet, ermöglichte die Hinzunahme weiterer Quellen. Sie erhellen die situationsbedingten Umstände der Nachkriegszeit, die Lebensrealität der Bürger und daraus ableitend das grosse Engagement der Bevölkerung gegenüber öffentlichen, kulturellen Belangen, die den Wiederaufbauprozess deutlich konnotieren. Als exemplarisches Beispiel seien an dieser Stelle die Rekonstruktionsentwürfe des Turmes von St. Reinoldi erwähnt. In vier grossformatigen, repräsentativen und plakatartig angelegten Tuschezeichnungen wurden zwölf Varianten einer neuen Turmhaube vorgestellt.12 Der Turm war bei der Bombardierung Dortmunds im Zweiten Weltkrieg bis auf den Turmstumpf eingestürzt. Aus den in den Akten erhaltenen Zeitungsartikeln geht hervor, dass die Varianten der Dortmunder Öffentlichkeit zur Abstimmung vorgelegt wurden und es zu einer Wahlentscheidung zugunsten der Vorkriegsvariante der Zwiebelturmhaube von 1701 kam.13 Gleichfalls verdeutlichen Fotos, dass die Bürger Lotterielose zur finanziellen Unterstützung des Turmbaus erwerben konnten.14 Die öffentliche Diskussion um den Wiederaufbau des Turmes, so belegen es die Akten, war in den 1950er Jahren ein zentrales Thema der städtischen Bevölkerung. Auch die Begutachtung weiterer Planbestände der gleichen Bauaufgabe und auch des gleichen oder weiterer Architekten konnte in einer vergleichenden Analyse die Akzentuierung des einzelnen Baukörpers und damit seines spezifischen Stellenwertes erhellen.

Aus dem Umstand heraus, dass in den Seminaren mit unpublizierten Originalen gearbeitet wurde, ergibt sich für die Studierenden das Potenzial, im Studium fachliche Kernqualifikationen im Bereich des wissenschaftlichen Kompetenz- und Wissenserwerbs aus den Objekten heraus einzuüben. Durch Besuche im Stadtarchiv Dortmund, den Kirchen und Pfarrgemeinden ausserhalb des Campus und Besuchen von Denkmalpfleger/innen, Bauingenieuren und Baufirmen im Seminar kann mit den Studierenden der Umgang und auch die fachliche Diskussion mit diesen Institutionen eingeübt werden. Durch diesen institutionellen Austausch erschliessen sich vielfältige Potenziale der gegenseitigen Zusammenarbeit. Für die Studierenden bietet sich vor allem die Möglichkeit, nach Aussen zu treten und Projektergebnisse zu präsentieren.

Die Veranstaltung der „KinderUni“ anlässlich des Weltkulturtages der UNESCO am 20. Mai 2014 bot für „Planvoll“-Studierende unter dem Titel „Dortmund sucht den Turm der Reinoldikirche“ eine solche Möglichkeit. Die Studierenden aus dem oben beschriebenen Joint-Venture-Seminar des Sommersemesters 2014 haben den Planbestand von Herwarth Schulte zum Wiederaufbau der Reinoldikirche bearbeitet und in Themen für Lern- und Entdeckungsstationen gegliedert. Hier wurden aus konservatorischen Gründen Reproduktionen an die Teilnehmenden ausgeteilt. Thematisiert wurde auch hier der Wiederaufbau der Kirche in der Nachkriegszeit. So wurden beispielsweise die verschiedenen, schon beschriebenen Turmentwürfe erklärt, diskutiert und geprüft, welcher denn umgesetzt wurde. In Anlehnung an die öffentliche Entscheidungsdiskussion der 1950er Jahre über die Turmvarianten wurde erneut abgestimmt. Im Gegensatz zur Entscheidung der Nachkriegszeit waren sich die „KinderUni“-Studierenden darüber einig, dass der ursprüngliche Turm, bekannt als „Wunder Westfalens“ aus mittelalterlicher Zeit der Passendste sei. Gleichfalls wurden die Baupläne, die Längen- und Höhenabmessungen aufweisen, durch eigene Vermessungen auf ihre Richtigkeit geprüft; mit Helium gefüllte Luftballons halfen bei der Höhenmessung der Gewölbe. Mit Fernglas und der Planzeichnung des Deckenspiegels wurde die Erzählung der Schöpfungsgeschichte in den Schlusssteinen des Chorgewölbes erkundet und ein Grundriss-Fangspiel und Baunaht-Suchspiel half bei der Ergründung des Baukörpers und seiner Wiedererrichtung. Die Veranstaltungsreihe der „KinderUni“ zeigt seit 2007 mit Erfolg die unabdingbare Wichtigkeit von Wissenschaftsvermittlung im Kindesalter.15 Für die Studierenden ist es eine wichtige Übung, Inhalte und Methoden gegenüber einem heterogenen Publikum und gegenüber unterschiedlichen Zielgruppen einzuüben.16

Abb. 5: Teilnehmende der „KinderUni“ beim Diskutieren der drei historischen Varianten der Turmhaube von St. Reinoldi; Planbestand Herwarth Schulte, A:AI (Foto: „Planvoll“, TU Dortmund).

Resümee

Die im Projekt „Planvoll“ gewonnenen Erfahrungen verdeutlichen, welche Chancen ein Architekturarchiv an einer Universität für die Lehre bietet. Anhand der Bestände des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW lassen sich vielfältige Bedeutungsebenen unmittelbar am Original herausarbeiten, wodurch nicht nur Wissen generiert werden kann, sondern auch Wertigkeiten unmittelbar erfahrbar werden.

Angesichts der Verschiebung der Bauaufgaben vom Neubau in den Bestand und der sich daraus ergebenden Bedeutung architekturbezogener Bestände in Archiven weist „Planvoll“ Wege auf für die Vermittlung der hierzu erforderlichen Kompetenzen. Durch Einbindung der Studierenden in Verzeichnungsprojekte partizipieren sie unmittelbar an der Erschliessung des gemeinsamen baukulturellen Erbes. Durch Auswertung von bislang unpubliziertem Archivgut leisten sie einen Beitrag zur regionalen Architektur- und Städtebaugeschichte, wie sich anhand der im Rahmen von „Planvoll“ gewonnenen Erkenntnisse zum Wiederaufbau von St. Reinoldi darstellen lässt.

Das Archiv bietet die Möglichkeit, die Wertediskussion um das Kulturerbe exemplarisch mit Hilfe ausgewählter Originale zu führen. Durch den Charakter der Architektur als wesentlicher Bestandteil der gebauten Umwelt hat sie einen unmittelbaren Einfluss auf die untrennbare Einheit von Mensch und Kultur, den es zu vermitteln, zu diskutieren und zu schützen gilt. Neben der Stärkung fachlicher Kernkompetenzen steht daher die Entwicklung der Sprech- und Diskussionsfähigkeit der Studierenden im Vordergrund, um fachliches Handeln und Entscheiden auch interdisziplinär argumentativ vertreten zu können. „Planvoll“ versteht sich als ein Projekt, das die Studierenden dafür als zukünftige Multiplikatoren in die Gesellschaft hinein qualifiziert.

Die bisherigen Projektergebnisse bestätigen, dass die Wahrnehmung von Architektur und Stadt als Elemente der gebauten Umwelt am sinnvollsten bereits im schulischen und universitären Bereich thematisiert werden sollte. Angehende Lehrerinnen und Lehrer können dadurch ihrer Aufgabe gerecht werden, öffentliche Belange innerhalb einer demokratischen Gesellschaft zu vermitteln und damit die gesamtgesellschaftliche Verantwortung um das kulturelle Erbe zu thematisieren.

Im Archiv konnten angesichts der Frage, wie dort angemessene infrastrukturelle Angebote für diese neuen Nutzergruppen angeboten werden können, um den Zugang und die Arbeit am Material mit Blick auf die konservatorischen Notwendigkeiten der Objekte dauerhaft gewährleisten zu können, im Rahmen von „Planvoll“ räumliche Voraussetzungen definiert und mit ihrer Umsetzung bereits begonnen werden.


1 Weitere Informationen zur Initiative „SammLehr – an Objekten lehren und lernen“ sind auf der Homepage der Stiftung Mercator zu finden.

2 Siehe Barbara Welzel, „‚Diversitätsdialoge in Studium und Lehre‘ an der Technischen Universität Dortmund“, in: Journal Hochschuldidaktik 23, Nr. 1–2, September 2012, S. 8–13.

3 Eine Bestandsübersicht findet sich unter www.bauwesen.tu-dortmund.de/archiv sowie www.archive-nrw.de. Siehe zum Archiv auch Wolfgang Sonne und Regina Wittmann, „Das Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) an der TU Dortmund“, in: Baukunst in Archiven. Gedächtnis der Generationen aus Papier und Bytes, hrsg. von AFR, M:AI, Gelsenkirchen: M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurbaukunst 2012, S. 82–91.

4 So wurde zum Beispiel 1868 die Sammlung architektonischer Entwürfe an der neugegründeten Königlich Polytechnischen Schule, der heutigen Technischen Universität München, gegründet (https://www.ar.tum.de/architekturmuseum/sammlung/, 07.05.2015).

5 Das Projekt schliesst an frühere Ansätze forschungsgeleiteter Lehre des Lehrstuhls Geschichte und Theorie der Architektur an, die im Rahmen von Ausstellungsprojekten bereits mit Studierenden an ausgewählten Archivbeständen gearbeitet haben: Medien der Architektur (2007), Auf den zweiten Blick. Architektur der Nachkriegszeit in Nordrhein-Westfalen (2010), Stefan Polónyi: Tragende Linien und tragende Flächen (2012).

6 Dies war unter anderem ein Ergebnis des DFG-Projekts „Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau innerstädtischer Quartiere im Ruhrgebiet“, das 2012–2014 am Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur bearbeitet wurde.

7 Darüber hinaus wurden weitere Kirchen des Architekten in Dortmund betrachtet sowie die Bandbreite des Kirchenbaus im Ruhrgebiet und anhand ausgewählter Beispiele ausgehend vom Kirchenbau der 1920er und 1930er Jahre bis hin zum Bau von Gemeindezentren in den 1970er Jahren thematisiert.

8 Hier ist die von Arbeit von Eva Dietrich zu nennen: Die westfälische Denkmalpflege der Nachkriegszeit, Mainz: Philipp von Zabern, 2008. Siehe insbesondere Kapitel 2.2: „St. Reinoldi“, S. 46–65. Anmerkung: Der Bestand Herwarth Schulte wurde hier noch nicht berücksichtigt.

9 Hier sei als Beispiel die Plansammlung des Architekturmuseums an der TU Berlin genannt, die im Rahmen eines DFG-Projektes diese Sammlungsbestände als hochauflösende Digitalisate gemeinfrei auf ihrer Website bereitstellen und damit neue Zugriffs- und Verwendungsmöglichkeiten von Karten- und Planbeständen ermöglichen. Siehe architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/.

10 Das Projekt „Planvoll“ schliesst sich damit an die Ergebnisse der „Stadtspäher“-Projekte am Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft an. Siehe dazu Klaus-Peter Busse, Barbara Welzel u.a., Stadtspäher in Hagen. Baukultur in Schule und Universität, hrsg. von Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg: Wüstenrot Stiftung 2013, sowie Klaus-Peter Busse, Barbara Welzel u.a., Stadtspäher im Dortmunder U. Baukultur in Schule und Universität, hrsg. von Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg: Wüstenrot Stiftung 2013 (beide Publikationen online unter: http://www.wuestenrot-stiftung.de/produkt-kategorie/download/, zuletzt geprüft am 10.09.2015).

11 Zum Konzept der Dortmunder Kunstgeschichte und ihren Lehrprojekten siehe Barbara Welzel, „Kunstgeschichte, Bildung und kulturelle Menschenrechte“, in: Kunstgeschichte und Bildung (Dortmunder Schriften zur Kunst / Studien zur Kunstgeschichte 5), hrsg. von Claudia Hattendorff, Ludwig Tavernier und Barbara Welzel, Norderstedt: BoD – Books on Demand 2009, S. 63–84.

12 SLT 8_12-8_15, Bestand Herwarth Schulte, A:AI, TU Dortmund.

13 SLT Akte 11, Bestand Herwarth Schulte, A:AI, TU Dortmund.

14 LKA 1430/50, Akte Stadtkirche St. Reinoldi Dortmund, Landeskirchenarchiv Bielefeld.

15 Siehe Barbara Welzel (Hrsg.), Weltwissen Kunstgeschichte. Kinder entdecken das Mittelalter in Dortmund (Dortmunder Schriften zur Kunst / Studien zur Kunstdidaktik 10), Norderstedt: BoD – Books on Demand 2009.

16 Siehe Klaus-Peter Busse, Kunst unterrichten. Die Vermittlung von Kunstgeschichte und künstlerischem Arbeiten, Oberhausen: Athena 2014.